PRESSE
REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER


Lebensgefährliche Küsse

VON MONIQUE CANTRÉ

REUTLINGEN. Was für ein Pech auch! Wie im letzten Jahr zwang der Regen die Premiere des Tonne- Freilichttheaters unters Dach der ehemaligen Heinzelmannfabrik. Dort umfing brütende Hitze, aufgestaut von den vorangegangenen Hochsommertagen im Verbund mit den ebenfalls kräftig heizenden Scheinwerfern, die Besucher. Manch einer freute sich, dass auch maßgebliche Vertreter aus Gemeinderat und Verwaltung mit OB Barbara Bosch an der Spitze schwitzend und sich Luft zufächelnd die Notwendigkeit einer Sanierung der Planie 22 samt Einbau einer Klimaanlage einsehen mussten. Die Schauspieler ließen sich nichts anmerken und sorgten dafür, dass auch im Saal die nachtschattige Atmosphäre des Schauspiels »Dracula - Die Gier nach Blut« ihren Reiz entwickelte.

Kathrin Kleebergs Bühnenbild war als leicht modifizierte Kopie ihrer Freilichtbühne in den Saal gebaut worden - mit einer Verbindung zur Galerie, die dem lichtscheuen Grafen Dracula eindrucksvolle Auftritte aus dem Dunkeln erlaubte. Zwei steile Treppen führten von einer Art Remise für zwei fahrbare Särge zu einem hohen Spielpodest. Ein Bullauge in der Wand und ein Rettungsring deuteten darauf hin, dass der Vampirfürst per Schiff angelandet war, um sich das Blut einer gewissen Luzie einzuverleiben, die auf einer Fotografie sein Interesse geweckt hatte. Außer den Särgen, die auch als Bett oder Esstisch benutzt wurden, gab es kein »Mobiliar«, abgesehen von etlichen schwarzen Müllsäcken, deren Rätsel freilich ungelöst blieb.

Elegante Dialoge
Die Bühne war also frei für geisterhaftes Lichtdesign und die Umtriebe des unsterblichen Rumänen, dem Bram Stoker mit seinem Dracula-Roman vor über einem Jahrhundert ein Denkmal gesetzt hat. Eric van der Zwaag hat sich die Figuren und Motive daraus geschickt zu eigen gemacht, um die abwegige Blutsauger-Legende, in die sich so ungeheuer viel hineininterpretieren lässt, mit sechs Darstellern relativ kompakt neu zu erzählen, ohne sie zu verbiegen. Sein Text erfreut mit eleganten Dialogen samt Literaturzitaten (Shakespeare, Claudius), einem sarkastischen Exkurs über das Glück des Rauchens und intelligent eingeschobenen Belehrungen über die »Vampirologie«. Kenner des Stoker-Romans werden natürlich besonders viel davon haben, aber auch der Ahnungslose wird gut unterhalten - abgesehen von einigen Längen in der Inszenierung, bei der Eric van der Zwaag und Enrico Urbanek gemeinsam Regie geführt haben.

Dass Graf Dracula hier eine Frau ist, irritiert keine Sekunde lang, so perfekt entwirft Galina Freund die Gestalt dieses Zwischenwesens von Mensch und Gespenst, von Gefahr und Verführung, von durchaus viril wirkender Melancholie. Keine Frage: Diesem attraktiven Monster kann man auf der Suche nach sinnlichen Grenzerfahrungen schon verfallen! Aber sein Kuss ist lebensgefährlich.

Für die Komik, die ein leichtes Sommerstück braucht, sorgen die anderen, die Opfer und die wild entschlossenen Verfolger. Der bezwingend herausgespielten Erotik vor der Pause, als Dracula und Luzie ihre Ekstase tanzen, folgt im zweiten Teil die polternde Bekämpfung der Vampirseuche. Und da wird's heftig makaber, denn um einen Untoten um die Ecke zu bringen, muss man erst mal seiner habhaft werden und dann einen Holzpflock in sein Herz treiben. Unter Anleitung des verschrobenen, verschusselten Mediziners Bram von Hölzing, den Rüdiger Götze virtuos auf die Bühne bringt, vollbringt die kindliche Mina (Joséphine Schönbach) die finale Heldentat. Eva Gaigg ist für die frivolen Damenrollen eingeteilt und hat als Luzie ihre große Stunde. Deren langweiligen Spießer-Verlobten spielt Eckart Schönbeck bis hin zur Musical-Einlage. Und dann gibt es noch den netten Immobilien-Reisenden Jonathan (Tobias Strobel), der bestimmte genetische Voraussetzungen hat, sodass ihn Draculas Biss nicht entseelt, sondern in eine Zwischenwelt versetzt, wo er nur noch im Spiegel sichtbar ist.

All diesen blühenden Grusel-Unsinn honorierte das Publikum mit begeistertem Applaus.

– 05. Juli 2008

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