VON VEIT MÜLLER
REUTLINGEN. Die Bühne wirkt wie das Requisitenlager eines Theaters. Überall stehen Stühle und Sessel herum, von denen keiner zum anderen passt. Ein Sammelsurium an Teppichen bedeckt den Boden. Und mitten in diesem geordneten Chaos sitzt ein Mann mit Bademantel und roter Mütze und schlägt kurze, leise Töne auf dem Flügel an. Ein skurriles Bild. Doch dann wird die von Tijen Berber gestaltete Bühne plötzlich belebter. Hinter dem Sessel schiebt sich ein Gesicht hervor, ein Musiker schält sich aus einer Bass-Hülle, der Clown rollt sich aus dem Teppich aus, und eine Frau mit knallroten Schuhen und Tasche entsteigt einem Koffer.
So verschieden, wie die Requisiten auf der Bühne sind, sind auch die fünf Typen auf der Bühne: der immer etwas gelangweilt wirkende Klavierspieler, der dandyhafte Bassist mit Gel-Frisur, die zarte, zerbrechliche Sängerin, der mit großen Augen erstaunt in die Welt schauende Clown und der hektische IT-Manager, der laufend von irgendwelchen Computerprodukten faselt.
Doch das Quintett hat es in sich, vor allem, was die Musik angeht. Sie begeben sich auf eine Reise »durch Traum und Zeit«. So heißt jedenfalls die Revue, die jetzt im Reutlinger Theater Die Tonne Premiere hatte. Die Fünf, das sind Thomas B. Hoffmann, Michael Schneider, der die Revue zusammengestellt hat, Joséphine Schönbach, Maxim Shamo und Eric van der Zwaag. Sie zeigen in eineinhalb Stunden, was sie musikalisch alles drauf haben.
Und das ist eine Menge. Alle entpuppen sich im Laufe der Revue als Multi-Instrumentalisten: Klavier, Bass, Gitarre, Geige, Perkussion, die Bandbreite an Musikinstrumenten ist riesengroß. Die Tonne-Revue bricht dabei auch mit den gewohnten Musik-Bildern, die man von ähnlichen Shows kennt. »Durch Traum und Zeit« ist mehr als eine Revue, es ist ein musikalisches Experiment, das viele Stilrichtungen innerhalb kurzer Zeit zusammenbringt und gekonnt und nahtlos aneinanderreiht.
Schöne ruhige Momente
Da taucht Udo Lindenbergs »Ich lieb dich überhaupt nicht mehr« gleichberechtigt neben getragenen, deutschen Volksliedern, Jazz-Hits wie Sweet Georgia Braun oder einem mitreißenden Sirtaki auf. Sehr schön sind auch die ruhigen Momente, wenn beispielsweise der Clown seiner Angebeteten ein Lächeln schenkt und beide die Wahrheit über die Liebe suchen.
Ein Hit ist sicherlich der musikalische Striptease von Thomas B. Hoffmann, der einen selten so witzig anzuschauenden Kleiderwechsel auf der Bühne vollführt. Aus dem Jackett-Träger wird so der rockende Rastaman, der seine wummernde Elektrogitarre bis an die Schmerzgrenze quält.
Und wie die Fünf gekommen sind, lösen sie sich am Ende auch in »Freude und Glück« wieder auf. Einer nach dem anderen verschwindet mit einem sich auflösenden Satz durch den Notausgang von der Bühne. Um nicht viel später zum verdienten Schluss-Applaus wieder zu erscheinen.
»Durch Traum und Zeit« besticht durch seine Eigenwilligkeit. Nach einem eher melancholisch-tristen Beginn öffnen sich immer neue musikalische Türen, die die Revue zu einer ganz speziellen Reise durch die Musikgeschichte machen.
Viele Stücke sind verfremdet oder karikaturistisch überhöht. Dies ermöglicht an vielen Stellen den fließenderen Übergang zwischen Songs, die manchmal so unterschiedlich sind, dass sie eigentlich nicht nebeneinander im Repertoire stehen können. Doch das Schauspiel-Quintett schafft dies problemlos und auf sehr unterhaltsame Weise.